Evangelisches Dekanat Odenwald

Vortrag in Neckarsteinach

Schall der Reformation braucht seine Zeit

Neckarsteinach. Das Fragezeichen blieb stehen. "1518 - Startschuss der Reformation am Neckar?" - so der Titel des Vortrags, hinter den auch der überaus sachkundige Referent Dr. Benjamin Müsegades keinen Punkt oder gar ein Ausrufezeichen zu setzen vermochte. Müsegades war auf Einladung der Evangelischen Kirchengemeinde Neckarsteinach in die dortige Kirche gekommen, um im Rahmen des Reformations-Jubiläumsjahres zu eben diesem Thema zu sprechen. Als wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde der Universität Heidelberg ist er Fachmann auch auf diesem Gebiet.

Die sogenannte "Heidelberger Disputation", so verdeutlichte Müsegades, bei der Martin Luther im April 1518 zusammen mit anderen Gelehrten über die Bibelauslegung und hierbei ganz besonders über die für ihn so zentrale Frage nach der Gerechtigkeit des Menschen vor Gott stritt - Streiten verstanden im Sinn eines angeregten Austauschs unterschiedlicher Positionen -, zeitigte sehr wohl erhebliche Nachwirkungen, wenngleich sie naturgemäß nicht zu einem unmittelbaren Bekenntniswechsel in der Region um Heidelberg führte. Teilnehmer an diesem "intellektuellen Kräftemessen" waren unter anderem Johannes Brenz, Martin Frecht und Martin Bucer, die Luthers Gedanken überzeugten und die sie sogleich, jeder auf seine Weise, wirkungsvoll weitertrugen. Auf der anderen Seite, auch das legte der Referent dar, war die Kurpfalz erst Ende der 1550er Jahre überwiegend beziehungsweise offiziell protestantisch. So gesehen: Startschuss ja, aber der Schall braucht ein wenig Zeit.

Weit früher schon hatte auch der sozusagen weltliche Hausherr der Neckarsteinacher Kirche, Hans III. Landschad von Steinach, die lutherische Lehre angenommen. Die wohl früheste protestantische Flugschrift in der Kurpfalz, in der gerade diese historische Figur Hans sich für ebendiese Lehre einsetzt, ist kürzlich als Buch erschienen (Angaben zum Buch am Ende des Textes).

Bereichernd war Müsegades' Vortrag nicht zuletzt deswegen, weil er die Zuhörer mitnahm auf eine Zeitreise, bei der er auch die damaligen Lebensumstände der Menschen skizzierte: Vor genau 500 Jahren, 1517 also, wurde auch in der Neckarsteinacher Kirche die Messe in lateinischer Sprache gehalten; die Menschen hatten einen kleinen Lebensradius, die wenigsten kamen einmal über Neckarsteinach hinaus, selbst Heidelberg lag in gewisser Hinsicht fern. Theologisch gesehen, waren Maria und zahlreiche Heilige als Mittler zu Gott noch höchst wichtig, und die Angst vor Höllenstrafen trieb die Menschen um. Gerade in dieser Situation florierte der Ablasshandel: Gegen Geld, das man der Kirche zahlte, konnte man sich von Sünden freikaufen. Genau hier setzte ja Luthers Kritik an, die er in seinen berühmten 95 Thesen so nachhaltig schriftlich niederlegte. Luther nutzte die damals noch vergleichsweise neue Buchdrucktechnik, um seine Gedanken zu verbreiten. "Die Reformation war auch ein Medienereignis", verdeutlichte Müsegades mit Blick darauf.

Ein reges Nachgespräch mit zahlreichen interessierten Fragen aus dem Publikum schloss sich an; auch hierbei griff Müsegades auf sein umfassendes Wissen über die Zeit zurück.
Für eine erlesene, auch auf die Reformationsthematik zugeschnittene musikalische Umrahmung des Vortragsabends sorgte der Evangelische Bläserchor unter Leitung von Klaus Thieme.

Das Buch "Ain missive", herausgegeben von Dr. Walter Sauer, ist zum Preis von 14,90 Euro erhältlich bei der Evangelischen Kirchengemeinde Neckarsteinach, Telefon 06229 459, ebenso im Buchhandel.

Weitere Vorträge zum Reformationsjubiläum schließen sich in Neckarsteinach an: am 22. Juni widmen sich Pfarrer Norbert Feick und Eberhard Petri in einem Dialog "Hans Landschad von Steinach: Ritter, Regierungschef, Reformator". Und am 13. Juli spricht Professor Johannes Ehmann (Heidelberg) über "Luthers Reformation - neu, umstritten, erfolgreich". Beginn ist jeweils um 20 Uhr in der evangelischen Kirche.

 

Bernhard Bergmann
2.6.2017


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