Evangelisches Dekanat Odenwald

Standpunkt

Schaut auf die Füße!

von Bernhard Bergmann

In seinem Nachruf auf Stephen Hawking zitiert das Odenwälder Echo (Ausgabe vom 15.3.) einen der letzten Sätze des Physikers: "... schaut zu den Sternen und nicht hinab auf Eure Füße."
Mich hat dieser Satz sehr nachdenklich zurückgelassen. Hawking ruft dazu auf, den Blick von der Erde abzuwenden. Was sehe ich denn da? Die Unendlichkeit, die ich doch nicht ausloten kann, geschweige denn je erreiche? Ja, nicht mal erklären kann?

Viele Milliarden Euro kostet die Raumfahrt Jahr für Jahr. Wie kann irgendjemand eine solche Summe oder auch nur Teile davon rechtfertigen, solange vor unseren Füßen auf der Welt Menschen verhungern, verdursten, an Krankheiten sterben, die behandelt werden könnten? Zu einfach gedacht; ich höre die Entgegnung schon. Aber ich nehme sie nicht an, bevor ich eine Antwort gehört habe.
Wenn ich auf die Füße - meine und die meines Nächsten - schaue, sehe ich den Weg, der vor uns liegt; ich sehe, wann ich auf dem Weg womöglich stolpere und wenn meine Nächste Gefahr läuft. Dann kann ich stützen, führen oder zurückhalten - und hoffe, dass es umgekehrt genauso sein wird. Natürlich muss ich auch den Blick heben und um mich sehen, übrigens auch all das Schöne, das uns geschenkt ist. Ich sehe einem anderen Menschen ins Gesicht, freue mich mit ihm. Ich weine mit ihr, tröste sie, wenn sie traurig ist.

Wir sind mit dem Leben beschenkt und dazu eingeladen von Gott.

Den Himmel weiß ich über mir. Und gönne mir ab und an nachts einen Blick in die Sterne, nicht weil ich da irgendetwas herausfinden oder Gott sehen könnte. Sicher ist er dort, auch, wie überall. Aber ganz nahe ist er hier, hier hat er ein Gesicht, ein Herz - und Füße. Hier steht er neben mir und bittet mich nur um eins: sei Mensch.

"... schaut zu den Sternen und nicht hinab auf Eure Füße." Ich finde einen solchen Satz, bei allem Respekt vor dem Leben Hawkings, rücksichtslos. Nicht umsichtig. Sei ein Hans Guckindieluft, sagt er. Als ob die Menschen nicht ohnehin schon andauernd irgend woanders hin sehen würden und den Blick abwenden anstatt dorthin, wofür uns Gott unsere Augen gegeben hat. Und wo unser Blick manchmal benötigt wird, lebensnotwendig ist.

Vor nicht allzulanger Zeit wurde Hawking sinngemäß so zitiert, dass das Leben hier auf der Erde langfristig keine Zukunft habe, dass man eines Tages im All werde wohnen müssen. Aber welchen Sinn ergibt das: Geld auszugeben, um Probleme der Zukunft zu lösen, die dadurch entstehen, dass ich sie mit demselben Geld nicht heute und hier löse?

"Die Wissenschaft macht Gott überflüssig", sagt Hawking auch noch. Ich bin mir sicher: Keiner seiner Nachfolger wird uns oder unseren Nachfahren jemals erklären können, was die Unendlichkeit ist, wie man auch nur diesen Gedanken fassen kann. Ich weiß, mit dieser These wage ich mich weit hinaus. Aber mir ist dabei nicht bang, denn ich sehe beim Gehen auf die Füße.

 

15.3.2018


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