Evangelisches Dekanat Odenwald

Zeitzeugin Henriette Kretz

"Sie waren keine Ungeheuer, das waren Menschen"

Odenwald/Michelstadt. Henriette Kretz ist unermüdlich unterwegs. Trotz ihres hohen Alters - sie ist mittlerweile 86 - ist die Zeitzeugin und Holocaust-Überlebende viel an Schulen zu Gast, war über die Jahre auch immer wieder im Odenwald. Das geht nun nicht wegen der Virusgefahr. Aber auch im Internet kann Henriette Kretz Zeugnis ablegen von ihrer Geschichte, die, wie sie betont, überhaupt nicht einmalig sei, weil sie Millionen anderer Menschen auch widerfahren ist und in mancherlei Hinsicht auch heute noch widerfährt: als Mensch ausgesetzt einer unmenschlichen Umgebung; hilflos, wehrlos, weil ein Kind.
Und auch im Internet sind persönliche Reaktionen und Rückfragen möglich. Gut 50 Personen - überwiegend Jugendliche aus Odenwälder Schulen - haben sich an diesem Abend zugeschaltet, um der in Antwerpen lebenden Henriette Kretz zuzuhören. Später wird es durch Fragen und Kommentare auch einen Dialog geben. Moderiert wurde die Begegnung von Stephanie Roth vom Bistum Mainz, das die Zeitzeugen-Reihe auch organisiert. Mitveranstalter war neben anderen das Evangelische Dekanat Odenwald. Dafür waren Gemeindepädagogin Eva Heldmann und Theresa Möke, Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung, dabei.

"Alles Extreme ist gefährlich", sagt Zeitzeugin Kretz gleich zu Beginn. Ob von links oder rechts motiviert oder aber religiös: "Es sucht Macht, mit allen Mitteln und ohne Gewissen."
Und natürlich ist Kretz' Geschichte auf gewisse Weise dennoch einmalig, weil jedes individuelle Leben es ist. So erzählt sie ihre Geschichte, welche beginnt als die Geschichte eines Kindes und einer Familie. Geboren im damaligen Polen (heute Ukraine), erlebte sie zunächst für wenige Jahre eine unbeschwerte und glückliche Kindheit: "Das war die schönste Zeit meines Lebens, ich hatte alles, was ein Kind braucht: Freunde, Wälder, Weiden, Natur." Die Tochter eines jüdischen Arztes wuchs als behütetes, geliebtes Einzelkind auf, hing sehr an ihrem Kindermädchen.

Ein Wort wirft Schatten
Ein Wort warf den ersten Schatten: "Eines Tages hörten wir das Wort 'Krieg'." Der Vater musste schon bald für die polnische Armee Dienst in Lazaretten tun. "Ich hatte noch nie Deutsche gesehen, aber ich hatte Angst." Denn die Nachbarn aus dem Westen galten klar als Bedrohung. Dann aber, so gar nicht passend zu dieser Vorstellung, sah sie Deutsche: "Sie waren schön, hatten so schöne Uniformen, sie lächelten, sangen. Sie konnten doch nicht böse sein", erinnert sich Henriette Kretz an die Vorstellungen des Mädchens damals.
Die Wirklichkeit indessen zeigte das andere Gesicht, nicht zu beschönigen: eine stetig sich verschärfende und zunehmend beengende Situation für vor allem für Juden, Ausgrenzung, Rassen-Definition, Vorurteile. Leben im Ghetto.

Bewegend schilderte Henriette Kretz Verhaftungen, erschütternde Momente und Begegnungen. Als Achtjährige ist sie unterwegs zwischen Gefängnis und Ghetto, und immer wieder getrennt von den Eltern. Und sie erinnert sich an einzelne Momente und Augenblicke, die das ganze folgende Leben prägen werden.
Die Beschreibung eines monatelangen Verstecks der Familie in einem dunklen Kohlenkeller lässt die Beengung fast spürbar werden. Ein Ehepaar war so barmherzig und mutig, die Familie dort zu beherbergen. "Die Menschen, die Juden geholfen haben, waren und sind für mich Helden", sagt Kretz. Tatsächlich musste jenes Ehepaar seine Menschlichkeit später mit dem Leben bezahlen - im Grunde genommen drückt schon diese Tatsache Unfassbares aus.

Nach der brutalen Ermordung ihrer Eltern - Deutsche erschossen beide kurz nacheinander in Gegenwart des Mädchens - ist die neunjährige Henriette, die fliehen kann, ganz allein und vollkommen hilflos. Sie findet in einem von Nonnen geleiteten Waisenhaus Zuflucht und überlebt so den Krieg.

"Niemand ist als Mörder geboren"
"Sie waren keine Ungeheuer, das waren Menschen", kann die 86-Jährige auch heute noch nicht fassen. Doch sie weiß eben auch: "Niemand ist als Mörder geboren, aber man kann fast aus jedem einen Mörder machen mit Gehirnwäsche, Propaganda, Erziehung", lautet ihre illusionslose Bilanz. "Sie haben Menschen die Seele weggenommen; sie haben Menschen transformiert zu Verbrechern."

Mit ihrem Verhalten gestalten die Menschen die Zukunft. "Wir leben alle auf einem Planeten; jeder hat ein Recht zu leben: Tiere, Pflanzen und Menschen." Das müsse man hüten. Vorsicht sei geboten bei Menschen, die sagten, sie lösten die Probleme. Das ist einer der Sätze, die sie den heute Jungen mitgeben möchte, unermüdlich. Dafür eigentlich ist Henriette Kretz unterwegs, denn es geht ja um die Zukunft - mit dem Blick zurück den Blick voraus zu werfen. Geschichte spiele eine viel zu kleine Rolle in der Erziehung. "Man kann Geschichte nicht ändern, aber man kann daraus lernen."
"Es gibt keine perfekte Regierung, nirgendwo, aber Demokratie ist das beste", davon ist die Zeitzeugin überzeugt.

 

Bernhard Bergmann
6.5.2021


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