Evangelisches Dekanat Odenwald

Stolperstein-Rundgang 2018

Schneebälle zertreten

Michelstadt. Die Stolperstein-Begehung in Michelstadt - 2018 zum neunten Mal, wie Initiator Heinz-Otto Haag erinnerte - ist immer beides, Erinnerung und Vergegenwärtigung. Letzteres bedeutet in einer Zeit, in der zuletzt massiv etwa aus Sachsen, aber auch aus vielen anderen Teilen Deutschlands Stimmen laut und rechte, nationalistische Parteien stark werden, dass das lange Zeit fraglose Diktum, "dass so etwas nie wieder passieren darf", nicht mehr gilt.

Es entstehen Schneebälle, wie es in einem starken Bild hieß, welches Schülerinnen und Schüler des Michelstädter Gymnasiums in einem szenischen Spiel entwarfen. Wenn niemand die Schneebälle ernst nimmt und sie rollen, werden sie bald zur Lawine, der niemand mehr Einhalt gebieten kann und die alles unter sich begräbt, zerstört, in den Tod reißt; Leben auslöscht, vernichtet. Also müssen Schneebälle zertreten werden. Schneebälle aber existieren überall dort, wo Menschen eiskalt über andere reden, ihnen ihre Würde absprechen, ihre Not leugnen, sie hetzen und verletzen, an Leib und Seele.

Auch darum ist es wichtig, Gesicht zu zeigen, und das taten auch in diesem Jahr wieder viele Menschen. Sie versammelten sich zunächst vor dem historischen Rathaus, gingen von dort zur Synagoge, weiter in die Braunstraße und schließlich in die Kellereibergstraße. An Stolpersteinen wurde der Menschen gedacht, die früher in Michelstadt gelebt haben, Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens, die mit einem mal Geächtete waren, ausgegrenzt, gedemütigt und verfolgt wurden - und die meisten von ihnen wurden Anfang der Vierzigerjahre in Konzentrations- beziehungsweise Vernichtungslagern ermordet, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen.
Schülerinnen und Schüler legten an den Stolpersteinen Blumen und - wie es im Judentum üblich ist - Steine nieder. Erinnerungen, Texte und Gebete fanden Worte für das oft genug Unsagbare. Albena Vogel spielte Klezmermusik auf dem Saxofon. Evangelische und katholische Kirche, Aleviten und auch die jüdische Gemeinde selbst beteiligten sich an der Aktion "Stolperstein-Gedenken".

 

Bernhard Bergmann
9.11.2018


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