Evangelisches Dekanat Odenwald

Menüabend im Kloster Höchst

Mit Hildegard von Bingen zu Tisch

Höchst. Lange schon ist der Name Hildegard von Bingen in aller Munde, wenn es um gleichermaßen gesunde wie heilsame Ernährung geht. Manche Gedanken der Klosterfrau muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, und eben dazu gab es nun im Kloster Höchst Gelegenheit: bei einem Hildegard-von-Bingen-Menüabend, zu dem mehr als 70 Menschen den Weg in die Aula des früheren Klosters gefunden hatten. Die gastgebende Klosterpfarrerin Marion Rink und das Team um Hausleiter und Chefkoch Ulrich Flick und Kristina Wenzl hatten den Raum liebe- und geschmackvoll vorbereitet, mit viel Sinn für Details. So lagen etwa auf allen Tischen verschiedenartigste Steine - hatte doch Hildegard auch der Kraft der Steine große Bedeutung beigemessen - und ebenso Gewürze und andere Pulver, welche die weise Nonne vom Rhein beschrieb. Faksimiles ihrer Schriften und Bilder, welche Hildegard darstellen, schmückten die Wände.

Nachdem Geist und Seele auf den Geschmack gekommen waren, mussten Gaumen und Bauch nicht lange warten: Was das Küchenteam um Mirko Walther da alles vorbereitet hatte: Dinkelvollkornbrötchen mit Gemüsefüllung und Sauercreme-Dip, gekochtes Filet vom Barsch auf Urweizen mit Kräutern oder gebratener Rehrücken mit Rote-Beete-Gemüse und Semmelknödel; zum Beispiel. Richtig bodenständig nahm sich dagegen eine Fenchelsuppe aus - ein Gemüse, das von Hildegard in seiner bekömmlichen Wirksamkeit besonders gepriesen worden war.

Vor dem Genuss im Speisesaal wurden die Gerichte von Pfarrerin Rink und Ruth Hidaka mit Worten und Weisheiten Hildegards gewürzt und garniert. Nicht zu vergessen: Hildegard von Bingen war auch selbst mit dabei und nahm die Gäste mit in ihre Welt vor 900 Jahren: Margarete Heilmann war in ein stilechtes Nonnengewand geschlüpft und verkörperte die Ordensfrau an diesem Abend.
1098 als zehntes Kind ihrer Eltern bei Alzey geboren, lernte die junge Nonne vieles, was zu lernen in ihrer Zeit Ordensleuten vorbehalten war. Bald schon notierte sie ihre Visionen und äußerte sich auch zur Bedeutung von Nahrungsmitteln, die sie rasch erkannt hatte. Sie müssen einen Heilwert haben, forderte Hildegard. Und so schrieb sie etwa von den "Kräften des Dinkels" und attestierte diesem Urgetreide beispielsweise, seine Wirkung führe zu Heiterkeit. Manche ihrer Gedanken und Ratschläge erheiterten auch die Menügäste.
Mit deutlichen Worten wandte sie sich gegen unmäßigen Genuss. In kraftvoll-poetischer Sprache beschrieb die Ordensfrau, die 1136 zur Äbtissin gewählt wurde und später zwei Klöster neu gründete, die Schöpfung: Alles im Kosmos sei von Gott weise geordnet, sei sinnvoll und nützlich. Mutig schrieb sie - erstaunlich für diese Zeit und für eine Frau zumal - kritische Briefe an Kaiser, König und sogar an den Papst.

In der Zeit zwischen den Menügängen blieb genügend Raum, dem Genossenen nachzuschmecken, den Gedanken Hildegards zu folgen oder die mittelalterliche Welt zu vergegenwärtigen - und natürlich für Gespräche bei Tisch. Das Michelstädter Flötenensemble "Flores Tibiae" unter Leitung von Hildegard Süß servierte immer wieder klingende Kostproben und harmonische Häppchen mit Anklängen ans Mittelalter und einer geschmackvollen Auswahl auch aus dem klösterlich-musikalischen Bereich. "Für Hildegard ist der Kosmos von Musik durchdrungen, und Musizieren ist Gottesdienst", verdeutlichte Ruth Hidaka, und die Gäste erfuhren, dass die Nonne auch Lieder und ein geistliches Singspiel gedichtet und komponiert hatte. 1179 starb Hildegard von Bingen im Alter von 81 Jahren. Offiziell heiliggesprochen wurde sie, die schon zu Lebzeiten und kurz danach von vielen Menschen wie eine Heilige verehrt worden war, erst im Mai 2012.

Ein Gast meinte nach dem Dessert (Weincreme auf süß-saurem Kürbis), nach diesem Menü benötige man nun noch etwas Fisch. Nicht, dass sie nicht satt geworden wäre, aber mit dem Gedanken an die Folgen des Abends auf der Waage hatte sie sich an Hildegards Hinweis erinnert: "Mit dem Fisch schwimmen die Pfunde davon."

 

Bernhard Bergmann
4.10.2018


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