Evangelisches Dekanat Odenwald

Fachtag 'Kriegskinder'

Wie wichtig Tränen sind

Höchst. "Im Alter wacht die Kindheit auf." Diesen Satz des Philosophen Hans-Georg Gadamer zitierte der Referent Professor Hartmut Radebold beim Fachtag "Kriegskinder und ihr Lebensweg bis heute" im Kloster Höchst. Radebold, als Psychotherapeut und emeritierter Professor für Klinische Psychologie ausgewiesener Kenner des Themas, war auf Einladung des Zentrums Bildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in den Odenwald gekommen, um über das Thema "Damals war ich noch ein Kind" zu sprechen.
Häufig werden Menschen, die haupt- oder ehrenamtlich mit älteren Menschen zu tun haben, im Gespräch mit Erinnerungen und Erfahrungen konfrontiert, welche die mittlerweile Siebzig- bis Neunzigjährigen zeitlebens beschäftigt haben - die aber oftmals nicht oder kaum zur Sprache kamen. Wie Radebold eindrücklich belegte, bekamen viele der Kinder eine damals übliche harsche Erziehung und wurden bereits früh für Kriegsdienste herangezogen. Sie erlebten massiv Sterben und Tod in ihrem Umfeld, Angst durch Bombardements, Flucht, Vertreibung, Evakuierungen, Gewalt und Vergewaltigungen und wurden oftmals zu Waisen oder Halbwaisen. Vieles davon musste schon sehr bald nach dem Krieg im Sinne des gesellschaftlichen "Funktionierens" verdrängt werden. "Die Erfahrung des Trauerns fehlt dadurch vielen Menschen", erläuterte Radebold. Dies begleitet die Betroffenen auch in den nachfolgenden Jahrzehnten; viele vermögen bis heute kaum zu trauern, zu weinen, Gefühle zu zeigen. "Ohne Trauer folgt Erstarrung", so Radebold. Und, besonders zu bedenken: An Kinder und Kindeskinder werden Ansichten und Verhaltensweisen weitergegeben. "Wir haben Geschichte, wir sind Geschichte und wir haben Geschichte gemacht", folgerte Radebold, der Jahrgang 1935 und damit selbst ein "Kriegskind" in diesem Sinn ist.

Nicht nur im Gespräch scheint bisweilen das in der Kindheit Erlebte auf. Auch die Persönlichkeiten der Menschen, die solch traumatische Erlebnisse gehabt haben, sind davon geprägt: Ängstlichkeit, Depressionen, übertriebene Sparsamkeit bis hin zu körperlichen Beschwerden können Kennzeichen sein. Um zu verstehen, warum ein Mensch so und nicht anders reagiert, warum "er ist, wie er ist", müssen diejenigen, die mit ihm zu tun haben, um solche Erlebnisse und die Zusammenhänge wissen.
Zwei Folgerungen leitete Professor Radebold aus seinen fundierten Untersuchungen ab: "Wir müssen lernen, Hilfe anzunehmen; und wir müssen mit unseren Kindern reden."

Martin Erhardt vom Zentrum Bildung der EKHN hatte den Tag zusammen mit Pfarrerin Renate Köbler, der Bildungsreferentin im Evangelischen Dekanat Odenwald, sowie Alexander Kaestner und Michael Gallisch vorbereitet. Wie Erhardt erläuterte, wird dem Thema "Kriegskinder" und den nachfolgenden Generationen seit einigen Jahren verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet, so etwa in Buchveröffentlichungen, Ausstellungen oder Filmen. Auch der Fachtag, der diesmal im Kloster Höchst stattfand, wird bereits seit mehreren Jahren jährlich an verschiedenen Orten veranstaltet.
Rund 40 Personen aus ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen waren dazu nach Höchst gekommen.An die vormittäglichen Impulse von Hartmut Radebold schlossen sich am Nachmittag Arbeitseinheiten der Teilnehmer zu ausgewählten Themenbereichen an.

 

Bernhard Bergmann
25.3.2018


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