Evangelisches Dekanat Odenwald

Kurt-Marti-Abend

Dichter, Pfarrer, Schweizer

Erbach. "Dichter, Pfarrer, Schweizer" war Kurt Marti nach den Worten von Pfarrer Bert Rothermel; ein lebenslanger Grenzgänger zwischen Theologie und Poesie, engagierter Christ, kritischer Zeitgenosse. Der 1921 in Bern geborene und im Februar dieses Jahres ebenda gestorbene Kurt Marti stand im Mittelpunkt des Abends, zu dem die Evangelische Kirchengemeinde Erbach in ihre Stadtkirche eingeladen hatte. Pfarrer Rothermel machte an wichtigen Stationen in Martis Biographie Halt und zeichnete anhand griffsicher ausgewählter Aspekte mit wenigen Strichen ein eindrucksvolles Porträt des Schweizers. Pfarrerin Renate Köbler las die zahlreichen Textauszüge, und Pfarrer Andreas Höfeld setzte dazu am E-Piano musikalische Akzente.

Rothermel ist offenbar ein profunder Kenner des Werkes Kurt Martis, dessen umfangreiches Oeuvre vielfarbig schillert und sich doch durchgängig durch einen ganz eigenen Ton auszeichnet.
"Die Fragen bleiben jung, Antworten altern rasch"; das ist so ein Zitat, das für den gegen alles allzu sicher Scheinende, vorschnell Festgelegte misstrauischen Marti typisch ist. Skepsis auf der einen, Zuversicht auf der anderen Seite, zwischen diesen Polen bewegt sich das Denken des theologischen Lyrikers. Immer wieder engagierte sich der jahrzehntelang als Gemeindepfarrer wirkende Marti auch politisch, bezog Stellung gegen Nuklearwaffen und Atomkraft sowie gegen den Vietnamkrieg, ist ein ebenso unbestechlicher wie ehrlicher Zeitgeist-Diagnostiker. Mit dem Jenseits kann der Theologe nicht allzuviel anfangen, und es ist ihm immer verdächtig, wenn irgendetwas aus dem Diesseits dorthin verschoben werden soll: Gerechtigkeit, Trost, Glück, die Liebe gar. Folgerichtig ermuntert er auch zur Auferstehung bereits im Jetzt, was nichts anderes heißt als dem Vor-sich-hin-Leben, dem Trott, der Empfindungslosigkeit zu entrinnen, sich demgegenüber einzusetzen fürs Leben, für Gerechtigkeit - eben aufzustehen, zu lieben: "Erlösung jetzt".

Wortspiele, überraschende Formulierungen, unerwartete Wendungen kennzeichnen die Texte Kurt Martis: "der herr/den wir duzen/gepredigt/von herren/die wir/siezen". In Schweizer Mundart verfasste Texte zeugen von der Vielseitigkeit des Autors, der jedoch richtig bekannt wurde mit seinen 1969 veröffentlichten "Leichenreden", in denen er sich in starken, bilderreichen Texten dagegen wandte, Tod, Schmerz und Trauer in Worthülsen zu packen, wie es so oft bei Beerdigungen geschieht - gerade auch von geistlicher Seite. Also nicht etwa das bekannte "...es hat dem Herrn gefallen..." - nein, ein Unfalltod hat dem Herrn keineswegs gefallen, davon ist der leidenschaftliche und manchmal zornige Pfarrer überzeugt. Nicht zuletzt diese das Werk Martis prägende Thematik war auch der Anlass gewesen, kurz vor dem Ewigkeitssonntag einen solchen Literatur-Abend unter dem neuen Baldachin im Kircheninnenraum zu veranstalten. Dazu gehörten auch die tief anrührenden Gedanken an die verstorbene Ehefrau, die ihm jahrzehntelang Gefährtin gewesen ist.

Zusammengefasst: Ein faszinierender Autor, eine gut zusammengestellte und aufbereitete Werk-Auswahl, eine ideale Darbietung in einem in jeder Hinsicht passenden Ambiente - diesem Abend fehlte nur eines: deutlich mehr Publikum.

 

 

Bernhard Bergmann
25.11.2017


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